Symposion 2. – 4.7.2015: Situationen. Situative Theorie und künstlerische Praxis

Interdisziplinäres Symposion des Forums/IKDM der Muthesius Kunsthochschule Kiel, konzipiert von Petra Maria Meyer.

2.- 4. 7.2015. Aula im Kesselhaus der Muthesius Kunsthochschule

 

„Im Anfang ist die Situation“ (W. von Scholz)

 

Die Situation ist konstituierendes Grundelement von Geschehnissen und Handlungen im Alltag sowie in den Künsten. Existenz, Sozial- und Weltverhältnisse des Menschen sind jedoch nicht nur durch Situationen geprägt. Situationen drücken diese Verhältnisse zugleich aus, machen sie kenntlich. Dieses implizite erkenntnisgenerierende Potential von Situationen vermögen die Künste besonders zu nutzen. Künstler arbeiten medienübergreifend mit Situationen, um Verkanntes oder Unerkanntes erfahrbar zu machen und derart „Wissen“ zu generieren. Das mag auch daran liegen, dass man der Situation als Phänomen nicht einfach gegenüber steht. Man kann sie nicht objektiv beschreiben. Vielmehr ist der Mensch immer schon in diesem Phänomen situiert. Er lebt in Situationen, die sich vom Erleben her erschließen.

Situationsphänomene liegen im Schwellenbereich zwischen Theorie und Praxis, theoretischer Vernunft und praktischem Handeln. Sie sind untrennbar von subjektiven Situationseinschätzungen, somit an Selbständigkeit und Verantwortlichkeit des Menschen gebunden. Gerade dieses „Wechselwirkungsgeschehen“ (John Dewey) soll von besonderem Interesse sein, denn es wird insbesondere durch Erwartungen, Ängste, verschiedene Empfindungen, die affektiv einstimmen, und Wertungen bedingt. Dadurch sind sowohl aisthetische, psychologische als auch ethische Aspekte impliziert.

Die Zusammenkunft zielt darauf, dieses interdisziplinär grundlegende Phänomen insbesondere aus fünf Perspektiven zu betrachten: einer existentiellen, einer phänomenologischen, einer ästhetischen und einer medientheoretischen bzw. medienethischen sowie eine kulturpolitischen Perspektive. Im existenziellen Themenfeld wird der Begriff der „Grenzsituation“ (Karl Jaspers) entscheidend. Aus phänomenologischer Perspektive sind es die Bedingungen der Wahrnehmung von Situationen und das grundlegende Mensch-Welt-Verhältnis (Heinrich Rombach), aber auch die Situationen, die als „Gefühlsraum“ (Hermann Schmitz) affizieren, die u.a. von Interesse sind. Da Situationen auf der Ebene der Erscheinungsformen in der Art und Weise des Gegebenseins erfahrbar werden, sind bei diesem „Wechselwirkungsgeschehen“ immer schon die sinnlich wahrnehmbare, aisthetische Ebene und die mediale Ebene zentral. Wahrnehmung und leibliches Verhalten, ermöglichte oder verunmöglichte Hör- und Sichtweisen, d.h. medienspezifische Konstruktionsweisen von Situationen, sollen mit Bezug auf konkrete Fallbeispiele Berücksichtigung finden. Szenographien (Theater, Tanz, Museumskonzepte etc.), bildkünstlerische Installationen, Photographien, Filme etc., gilt es, hinsichtlich situationsspezifischer Eigenarten und des jeweiligen Erkenntnispotentials von Situationen zu befragen. Da sich auch für Theorie und Praxis die Bedingungen ihrer Möglichkeiten aus der jeweiligen Kultursituation ergeben, ist auch die heutige Situation zu befragen. Zwar wird bereits seit der „Postmoderne“ von Pluralität als Grundverfassung der Kultur und Gesellschaft (Wolfgang Welsch) ausgegangen, aktuell erscheint jedoch eine weitere Zunahme pluraler Ethnien und Religionen gegeben. Diese gibt Anlass, die dadurch ermöglichte Vielfalt an Situationen zu reflektieren, die Andersartigkeit differenzlogisch (Theodor W. Adorno) und bereichernd erfahrbar machen. Situative Theorie und künstlerische Praxis erlauben auch die Differenz von „Welt und Gegenwelt“ (Heinrich Rombach) fruchtbar zu machen, um neue Bedeutungshorizonte zu eröffnen.

Das interdisziplinäre Symposion geht diesen Fragen, Thesen und Hoffnungen im Austausch von Theoretikern und Praktikern nach. Die Zusammenkunft zielt zugleich darauf, ein erweitertes Verständnis von „Situation“ zu gewinnen, das über vorliegende, kunsttheoretisch genutzte Definitionen mit Rekurs auf philosophische und sozio-politische Theorien hinausgeht.

Ein situatives Sein in futuro wird ausreichen.

(Petra Maria Meyer)

 Programm:

DONNERSTAG 2. Juli 2015

14.00 Uhr Grußwort von Arne Zerbst, Präsident der Muthesius Kunsthochschule

ARNE ZERBST Seit 2014 Präsident der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Promotion in Philosophie. Wissenschaftliche Berufsstationen in Braunschweig (Hochschule für Bildende Kunst) und München (Bayerische Akademie der Wissenschaften). Forschungsschwerpunkte: Klassische deutsche Philosophie (insbesondere Schelling), Kunstphilosophie und Ästhetik. Wichtige Buchpublikationen: »Schelling und die bildende Kunst. Zum Verhältnis von kunstphilosophischem System und konkreter Werkkenntnis«, München 2011. Herausgegeben zusammen mit Hannes Böhringer: »Die tätowierte Wand. Gespräche über Historismus in Königslutter«, München 2009 und »Gestalten des 19. Jahrhunderts. Von Lou Andreas-Salomé bis Leopold von Sacher-Masoch«, München 2010.

14.15 Uhr SITUATIONEN. EINFÜHRUNG IN DIE THEMATIK UND PROGRAMM GESTALTUNG DES SYMPOSIONS Petra Maria Meyer

Situationen sind konstituierende Grundelemente von Geschehnissen und Handlungen im Alltag sowie in den Künsten. Existenz, Sozial- und Weltverhältnisse des Menschen sind jedoch nicht nur durch Situationen geprägt. Situationen drücken diese Verhältnisse zugleich aus, machen sie kenntlich. Dieses implizite erkenntnisgenerierende Potential von Situationen vermögen die Künste besonders zu nutzen. Künstler arbeiten medienübergreifend mit Situationen, um Verkanntes oder Unerkanntes erfahrbar zu machen und derart »Wissen« zu generieren. Das mag auch daran liegen, dass man der Situation als Phänomen nicht einfach gegenüber steht. Man kann sie nicht objektiv beschreiben. Vielmehr ist der Mensch immer schon in die-sem Phänomen situiert. Er lebt in Situationen, die sich vom Erleben her erschließen. Situationsphänomene liegen insofern im Schwellenbereich zwischen Theorie und Praxis, theoretischer Vernunft und praktischem Handeln. Sie sind untrennbar von subjektiven Situationseinschätzungen, somit an Selbständigkeit und Verantwortlichkeit des Menschen gebunden, durch Erwartungen, Ängste, verschiedene Empfindungen, die affektiv einstimmen, und Wertungen bedingt. Dadurch sind sowohl aisthetische, phänomenologische, psychologische als auch ethische Aspekte impliziert.

PETRA MARIA MEYER Philosophin sowie Theater- und Medienwissenschaftlerin, seit 2004 Professorin für Kultur- und Medienwissenschaften, von 2004 bis 2008 Intendantin des »Center for Interdisciplinary Studies« (Forum) der Muthesius Kunsthochschule, Kiel. Promotion 1992 an der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf in Philosophie, Habilitation 2000 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Theaterwissenschaft mit medienphilosophischer Ausrichtung. Langjährige Tätigkeit als Lektorin, Dramaturgin und Autorin für den WDR-Köln. Forschungsschwerpunkte: Medien- und Kunstphilosophie, Intermedialität, Akustische Kunst und Sze-nographie. Wichtige Buchpublikationen u. a. : »Die Stimme und ihre Schrift« 1993; »Gedächtniskultur des Hörens«, 1996; »Intermedialität des Theaters«, 2001; Gedächtniskultur und künstlerische Erinnerungspraxis. Kieler Vorlesung zu »GedächtnisMedienMetaphern im historischen Wandel«, erscheint 2015; (Hg.) »Performance im medialen Wandel«, 2006; (Hg.) »Acoustic Turn«, 2008; (Hg.) »Gegenbilder. Zu abweichenden Strategien der Kriegsdarstellung«, 2009, (Hg.) »Intuition«, 2012.

15.00 Uhr »DER TEPPICH DES LEBENS« ÜBER DIE PHILOSOPHISCHE WIEDER-ENTDECKUNG DER SITUATIONEN Michael Großheim

Situationen haben in der Philosophie keinen leichten Stand: Sie sind nicht nur komplex, sondern sogar chaotisch mannigfaltig – sie sind deshalb auch nicht eindeutig und erlauben ganz verschiedene Explikationen, sogar einander widersprechende – sie stehen einem nicht gegenüber, sondern sind das »Umfangende«, das sich nicht fixieren und nicht mit Händen greifen lässt.Und dennoch bilden Situationen den »Teppich des Lebens« (Stefan George), in den wir verstrickt sind, mit dem wir alltäglich umgehen und in dem wir uns zurechtfinden.Erst im 20. Jahrhundert machen sich Philosophen auf den Weg, die unscheinbaren und allgegenwärtigen Situationen in ihrer Eigenart zu entdecken.

MICHAEL GROßHEIM Studium der Philosophie, Geschichte und Literaturwissenschaft in Kiel; Promotion 1993; Habilitation 2000; seit 2006 Inhaber der Hermann Schmitz-Stiftungsprofessur für phänomenologische Philosophie an der Universität Rostock. Arbeitsgebiete: Phänomenologie, Anthropologie, Existenzphilosophie, Kulturphilosophie. Wichtigste Publikationen: »Von Georg Simmel zu Martin Heidegger. Philosophie zwischen Leben und Existenz«, Bonn 1991; »Ludwig Klages und die Phänomenologie«, Berlin 1994; »Ökologie oder Technokratie? Der Konservatismus in der Moderne«, Berlin 1995; »Politischer Existentialismus. Subjektivität zwischen Entfremdung und Engagement«, Tübingen 2002; »Zeithorizont. Zwischen Gegenwartsversessenheit und langfristiger Orientierung«, Freiburg / München 2012.

16.30 Uhr KAFFEEPAUSE

17.00 Uhr GELEITETE EMOTIONEN. SZENOGRAFIE ZWISCHEN ETHIK UND MANIPULATION Ludwig Fromm

Sicher erinnern wir uns alle noch an die gemeinschaftlich zelebrierte Funk-tionalismuskritik an der Schwelle zur Postmoderne. Richtig, Sullivan war es. Die Ideologie seines ›Form follows function‹ hatte Generationen von Architekten und Architektinnen verführt, den Raum zu zerstören und die architektonische Formensprache zu banalisieren. Der ›spatial turn‹ konnte zwar den Raum retten, Straßen haben wieder Straßenräume und Plätze eine erkennbare Form. Was uns aber hin und wieder beunruhigt, sind aufkommende Fragen nach der Referenz der Form unserer Straßen- und Platzräume. Soziologen problematisieren die Ästhetisierung und Musealisierung unserer Städte, und glauben den formal wirksamen ›Bezugswert‹ räumlicher Qualitäten ausgemacht zu haben. Das szenografische Prinzip hat sich des Raums bemächtigt. Räume werden notiert, aufgeladen, emotionalisiert, zu Erzählungen verklärt. Vielleicht ist Uwe Brückners ›Form follows Content‹ ähnlich irreführend wie die Fixierung auf das Funktionale. Vielleicht sollten wir nicht pauschal von Funktion oder Inhalt reden, sondern von einer speziellen Form und einem konkreten Inhalt. Beliebigkeit ließe sich durch Sinnhaftigkeit neutralisieren und inhaltliche Strategien könnten einer Kolonisierung des Raums durch Fremdinteressen entgegenwirken.

LUDWIG FROMM Seit 1993 Professor an der Muthesius Kunsthochschule, Kiel, seit 2005 im Bereich Raumstrategien / Lehrgebiet Raum, Ensemble, Wirkung. Rektor der Muthesius-Hochschule (1999 bis 2005) und Gründungsrektor der Muthesius Kunsthochschule (2005 bis 2006). 1991 Promotion an der TU Berlin über »Architektur und Gesellschaft – Das Bauen in seinem Kontext«. 7 Jahre Mitglied im Beirat für Stadtgestaltung der Stadt Kiel und 5 Jahre Programmratsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein-anderes lernen e. V.; Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Schleswig-Holsteinischen Freilichtmuseums Molfsee. Diverse Veröffentlichungen als Autor oder Mitautor in Büchern und Zeitschriften zu Theorien der Architektur, der Atmosphärenkonstruktion und der Szenographie. Darunter: »Architektur und sozialer Raum«, Kiel 2000 und »Die Kunst der Verräumlichung«, Kiel 2009.

18.30 Uhr UNBEHAGLICHE SITUATIONEN. BETRACHTUNGEN ZU EINER BEFINDLICHKEIT IM KUNSTWERK Stefanie Klick

Wie lässt sich das unbehagliche Gefühl fassen, das uns ergreift, wenn wir den »Green Light Corridor« von Bruce Nauman, die Installation »I’m here but nothing« von Yayoi Kusama oder das »Schlafzimmer ii /08« von Alexandra Ranner betreten? Zur Annäherung an dieses Phänomen wird im Vortrag der Begriff Befindlichkeit vorgeschlagen. In ihm drückt sich ein räumliches Verhältnis aus: ein Wo des Sichbefindens im Sinne eines Situiert- und Orientiertseins, eine Standortbestimmung, die mich zu meiner Umgebung ins Verhältnis setzt. Gleichzeitig klingt eine emotionale Qualität an, ein Wie des Sichbefindens verstanden als ein Gestimmtsein. Die Frage, wie sich Unbehaglichkeit zwischen Kunstwerk und Betrachter ereignet, soll vor dem Hin-tergrund der Annahme eines Wechselverhältnisses von Situation und Emotion beleuchtet werden.

STEFANIE KLICK Freie Künstlerin und Kuratorin. Sie studierte Freie Kunst und Philosophie in Kiel (Erstes Staatsexamen) und forscht im Rahmen ihres Dissertationsprojekts bei Petra Maria Meyer zum »Phänomen Angst in der zeitgenössischen Kunst«. Seit 2013 Lehrbeauftragte an der Muthesius Kunsthochschule.

 

FREITAG 3. Juli 2015

10.00 Uhr KEEP YOUR DISTANCE? ZUM GEGENWÄRTIGEN INSZENIEREN VON HÖRSITUATIONEN Matthias Rebstock

In verschiedenen Bereichen der szenischen Musik treffen wir gegenwärtig auf Ansätze, die die ZuschauerInnen bzw. ZuhörerInnen in komplexe Wahrnehmungssituationen involvieren. Gespielt wird hier mit dem Verlust von Distanzbildung, wie er für die Beobachtung und Beschreibung von Welt insgesamt charakteristisch geworden zu sein scheint. Untersucht und auf weiterführende theoretische Konsequenzen befragt werden Beispiele aus Musiktheater, szenischem Konzert und Klangkunst.

MATTHIAS REBSTOCK Professor für Szenische Musik an der Universität Hildesheim. Er promovierte 2005 mit einer Arbeit über das instrumentale Theater von Mauricio Kagel und beschäftigt sich mit Formen der Inszenierung von Musik, insbesondere mit Formen des musikalisierten Theaters, Musiktheaters und der Oper sowie der Geschichte und Ästhetik der Neuen Musik. Zuletzt erschienen ist »Composed Theatre. Aesthetics, Practices, Processes« (zusammen mit David Roesner), Bristol 2012. Er arbeitet zudem als Regisseur im Bereich des Neuen Musiktheaters. Schwerpunkt seiner Arbeit bilden Stückentwicklungen im Grenzbereich zwischen Musik und Theater sowie Uraufführungen im Spektrum von szenischen Konzerten bis neuen Opern. Regiearbeiten u. a. : »Utopien« von Dieter Schnebel, Uraufführung Münchner Biennale für neues Musiktheater mit den Neuen Vocalsolisten, München 2014, »Expedition Freischütz« zusammen mit Michael Emanuel Bauer, Staatsschauspiel Dresden 2014, »Neither« von Morton Feldman, Theater Bern 2013, »Fernweh. Aus dem Leben eines Stubenhockers« zusammen mit Hermann Bohlen und Michael Emanuel Bauer, Neuköllner Oper 2012, »Die Geisterinsel« Urauführung der Oper von Ming Tsao, Staatsoper Stuttgart 2011, »Lezioni die Tenebra« Urauführung des Musiktheaters von Lucia Ronchetti, Konzerthaus Berlin und Parco de la Musica, Rom 2011.

11.30 Uhr VERSUCHE ÜBER KONKREATIVITÄT Petra Reinhartz

Im Anschluss an die Strukturphänomenologie Heinrich Rombachs wird der Begriff der Identität neu aufgegriffen und aus seiner substantiellen Dimension herausgelöst. ›Idemität‹ tritt an die Stelle von ›Identität‹, was verdeutlichen soll, dass Menschsein nicht im Bestand eines Wesenskerns oder in der reifenden Entwicklung einer genetisch-biologischen Basis besteht, sondern in einer immer wieder neu zu vollziehenden Konkreativität von Situation und Handlung. In diesem Sinne bekommt Kreativität eine existentielle Dimension, in der sich Kunst und Bildung vermitteln.

PETRA REINHARTZ Seit 2009 Senior Lecturer an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Sie promovierte und habilitierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München in Pädagogik, wo sie von 1994 bis 2000 auch wissenschaftliche Assistentin war. 2000 bis 2009: Verschiedene Vertretungsprofessuren und Lehraufträge u. a. an den Universitäten in Koblenz / Landau, Wuppertal, Flensburg und Tübingen. Arbeitsschwerpunkte: Allgemeine Erziehungswissenschaft, insbesondere Bildungstheorie, Ethik und Methodologie. Wichtige Publikationen: »Von der Differenz zur Idemität? : Zu einer postmodernen Revision pädagogischer Situativität in Auseinandersetzung mit der Strukturphänomenologie Heinrich Rombachs«, 1996; »Vom alten und neuen Zauber der Bildung«, 2001.

13.00 Uhr MITTAGSPAUSE

14.30 Uhr ÄSTHETIK DES SITUATIVEN Hans Dieter Huber

Der zentrale Ausgangspunkt einer Ästhetik des Situativen ist der Begriff der Situation. Er beschreibt die zentrale Schnittstelle einer räumlichen, temporären und sozialen Versammlung von Gegenständen, Lebewesen und Einrichtungen. In dem Vortrag geht es um eine Entfaltung der theoretischen Grundlagen einer Ästhetik des Situativen. Die grundlegenden Interaktions-bereiche einer Ästhetik des Situativen sind Dinge, Akteure und Institutionen. Die Interaktionsmöglichkeiten in ästhetischen Situationen haben eine räumliche, eine zeitliche und eine soziale Komponente. Die theoretischen Grundbegriffe werden anhand von Beispielen aus der zeitgenössischen Kunst verdeutlicht.

HANS DIETER HUBER Künstler, Filmemacher, Wissenschaftler, seit Oktober 1999 Professor für Kunstgeschichte der Gegenwart, Ästhetik und Kunsttheorie an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. 1986 Promotion in Kunstgeschichte, 1994 Habilitation, 1997 bis 1999 Professor für Kunstgeschichte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig; Von Mai 2006 bis Oktober 2011 Leiter des Internationalen Master-Studiengangs »Konservierung Neuer Medien und digitaler Information« an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Von März bis Juni 2007 war er Senior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Von Dezember 2006 bis November 2009 war er als Professor am Graduiertenkolleg »Bild, Körper, Medium« an der HfG Karlsruhe assoziiert. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen: »System und Wirkung. Interpretation und Bedeutung zeitgenössischer Kunst«, 1989; »Dan Graham. Interviews«, 1997; »Kunst des Ausstellens«, 2002; »Bild Medien Wissen«, 2002; »Bild, Beobachter, Milieu. Entwurf einer allgemeinen Bildwissenschaft«, 2004; »Paolo Veronese. Kunst als soziales System«, 2005; »Kunst als soziale Konstruktion«, 2007; »Phantasie als Schnittstelle«, 2010; »Edvard Munch. Tanz des Lebens. Eine Biographie«, 2013.

16.00 Uhr ÜBER DIE INTENTION, EIN OBJEKT IN SEINER WELT ZU LOKALISIEREN Maike Denkert

Anhand der sogenannten minimalistischen Kunst und der diese umgebenden Diskurse lässt sich eine Situationsbeschreibung zwischen Mensch und Kunstwerk vornehmen, die zum Teil spezifisch, zum Teil exemplarisch ist. Das ›spezifische Objekt‹ wird darin als feste Gestalt unter verschieden gear-teten sich stetig wandelnden Umgebungen angenommen und die Frage nach der metaphorischen Qualität der physischen, räumlichen Situation gestellt.

MAIKE DENKERT Malerin. Studium der Freien Kunst (Malerei) bei Ludger Gerdes und Dr. Jürgen Partenheimer, Diplom 2009. Derzeit Promotion über das Thema »Transparenzen in der Malerei« an der Muthesius Kunsthochschule bei Petra Maria Meyer. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland.

17.30 Uhr KAFFEEPAUSE

18.00 Uhr SITUATIVE PHOTOGRAPHIE VON KLAUS METTIG Klaus Mettig

»Zwei in Decken gewickelte Gestalten lungern vor der kalten gekachelten Wand, wahrscheinlich im U-Bahn-Schacht von New York. Ähnliche Haltung, andere Seite der Welt, New Delhi: Ein Inder, hingegossen wie ein liegender Buddha inmitten von Schmutz und Viehzeug. Fotografierte Wirklichkeit ganz groß, als Cinerama im Format 1,25 mal 3,75 Meter«, schrieb Inge Hufschlag anlässlich einer ebenso beeindruckenden wie umfangreichen Einzelausstellung im Kunstpalast Düsseldorf 2010, wo Klaus Mettig Arbeiten zeigte, die zwischen 1976 und 2010 entstanden sind. Dazu sagt der Künstler selber: »Ich zeige eine Auswahl von Arbeiten (…), in und mit denen ich die Wahrnehmung und Wirkung der Mechanismen globaler Politik reflektiere.« (Klaus Mettig). Auf dem Symposion »Situationen« werden ca. 120 Images projiziert. Die Bilder werden vom Künstler kommentiert. Fragen, Anmerkungen oder weitere Kommentare während und nach der Projektion seitens der Zuschauer sind ausdrücklich gewünscht.

KLAUS METTIG International bekannter Künstler. Seine Arbeiten wurde weltweit ausgestellt (z. B. Documenta, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, Shanghai Biennale oder Total Museum of Contemporary Art, Seoul).

 

SAMSTAG 4. Juli 2015

10.00 Uhr IN DER SCHWEBE. TRANSFORMATIONEN DER SCHWERKRAFTIN DER SKULPTUR Sara Hornäk

»In der Schwebe« – diese Zustandsbeschreibung enthält einen situativen, ereignishaften und existentiellen Moment, ein Gefüge der Unsicherheit, Unbestimmtheit, Unklarheit, Flüchtigkeit, in dem wir aus der Balance geraten können. Sie betrifft zugleich zentrale skulpturale Probleme, die anhand ausgewählter Werke der Gegenwart fokussiert werden.In den »Equilibres / Stiller Nachmittag« (1984 bis 1987) von Fischli und Weiss vollziehen die beiden Schweizer Künstler Gratwanderungen und Balance-akte und machen existentiell erfahrbare Zustände visuell greifbar. Schwe-ben, Hängen oder Balancieren werden als Ereignisse betrachtet, in denen emotional und körperlich erfahrbare Situationen mit skulpturalen Mitteln zum Ausdruck gelangen. Die Pole Leichtigkeit und Schwere scheinen in der skulpturalen Auseinandersetzung auf unterschiedliche Weise auf.Schwebezustände spielen sich innerhalb der Skulptur, zwischen Skulptur und Betrachter, zwischen Skulptur und Raum oder zwischen Wand, Boden und Decke ab. Aristide Maillol lokalisiert in seinem Werk »Die Luft« (1938) genau den Punkt, an dem die Figur den Boden berührt, sie ihre Balance sucht, sie aufliegt und sich doch zugleich hochzudrücken scheint.

SARA HORNÄK Bildhauerin und Philosophin. Seit 2006 Professorin für Kunst und ihre Didaktik / Schwerpunkt Bildhauerei an der Universität Paderborn. Sie studierte Kunst und Philosophie an der Kunstakademie und Universität in Düsseldorf. Nach dem 1. und 2. Staatsexamen und ihrer Tätigkeit als Studienrätin promovierte sie 2003 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Paul Good in Philosophie. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte betreffen u. a. die Lehre der Bildhauerei, vielfältige Erweiterungstendenzen in der Skulptur der Gegenwart, Theorien skulpturalen Denkens und Handelns, Diskurse zur künstlerischen Praxis und künstlerischen Forschung, die Beziehung von Kunsttheorie und Kunstpädagogik und die Entwicklung des plastischen Ausdrucksverhaltens von Kindern und Jugendlichen. Wichtige Publikationen: »Spinoza und Vermeer – Immanenz in Philosophie und Malerei«, 2003 und (Hg. zusammen mit Sabiene Autsch) »Räume in der Kunst. Künstlerische, kunst- und medienwissenschaftliche Entwürfe«, 2010.

11.30 Uhr IM NETZ DER PERSPEKTIVEN: GESPENSTISCHE SITUATIONEN IN »SITUATION ROOMS« VON RIMINI PROTOKOLL Gerald Siegmund

In ihrer installativen Theaterarbeit »Situation Rooms« entwickelt das Regie-kollektiv Rimini Protokoll eine Perspektivstruktur, die es den Teilnehmern ermöglicht, sich selbst als anderen wahrzunehmen. Durch ein komplexes Spiel von Selbst- und Fremdbeobachtung werden die Teilnehmer in die emi-nent theatrale Situation versetzt, zugleich mittendrin im Geschehen und doch außen vor zu sein. In eine mediale Apparatur aus Kopfhörern und Tablet-Computern eingespannt und choreographisch durchgearbeitet, werden sie zu Wiedergängern ihrer selbst und der anderen. Gestützt auf die technischen Apparate entsteht dabei eine Erinnerungsstruktur, die die Zeit in der Zeit außer Kraft setzt.

GERALD SIEGMUND Professor für Angewandte Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er studierte Theaterwissenschaft, Anglistik und Romanistik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo er 1994 promovierte. Habilitation 2005 an Justus-Liebig-Universität in Gießen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Theater als Dispositiv, Theater seit den 1960er Jahren, Theatertheorie, Ästhetik, Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz und im postdramatischen Theater im Übergang zur Performance und zur bildenden Kunst. Wichtige Publikationen: »Theater als Gedächtnis«, 1999; »Abwesenheit. Eine performative Ästhetik des Tanzes«, 2006; zuletzt herausgegeben zusammen mit Petra Bolte-Picker »Theater : Subjekt. Beiträge zur analytischen Theatralität«, 2011 s0wie zusammen mit Stefan Hölscher »Dance, Politics, and Co-Immunity«, 2013.

13.00 Uhr MITTAGSPAUSE

14.30 Uhr BEGEGNUNGEN – DAS WWW IM FILM: »DIGITAL NATIVES« UND DIE SITUATION DES ANDEREN – MEDIENETHISCHE PERSPEKTIVEN Ingrid Scheffler

Das Filmmedium hat die Möglichkeit, Situationen zu inszenieren, die das Web in einer Art von Außenperspektive spiegeln. Das Medium Internet als Thema im Film liefert zahlreiche denkbare Situationen, welche die Relevanz und Problematik des digitalen Mediums darstellen. Von besonderem Interesse sind vor allem die Inszenierungen, die das Konfliktpotential des Netzes explizit fokussieren und damit (medien-) ethische Diskussionen anstoßen. Aufgrund von aktuellen (fiktionalen und dokumentarischen) Filmen soll der Frage nachgegangen werden, wie die Situation des Kennenlernens und des Umgangs miteinander im Internet bei der Nutzergeneration der Multi- Tasker aus Sicht von (vor allem jungen) FilmemacherInnen filmisch inszeniert wird – und inwieweit diese Situation der Netzkommunikation tatsächlich einen Wandel bei ethischen Kategorien wie Wahrheit, Identität, Authentizität, Würde etc. hervorgebracht hat, denn mediale Thematisierungen und Reflexionen eines Mediums in einem anderen Medium stellen einen spezifischen medienethischen Diskurs dar.

INGRID SCHEFFLER Seit 2002 Professorin für Medien- und Literaturwissenschaft am Institut für Informationswissenschaft der Fachhochschule Köln. Vorher führte sie am Lehrstuhl für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte der Universität Mannheim ein DFG-Forschungsprojekt zur DDR-Literatur im Hörfunk durch. Auch Promotion und Habilitation, venia legendi Medienwissenschaft, stellten interdisziplinäre Forschungsarbeiten in der Kommunikations- und Literaturwissenschaft dar. Parallel zu ihrer langjährigen Lehre war Ingrid Scheffler auch als Kulturjournalistin, u. a. im Radio und Fernsehen, tätig. Ihre aktuellen Forschungsarbeiten fokussieren vorrangig Felder der Visuellen Kommunikation (insbesondere mediale Transformationsprozesse) und der Medienethik.

16.00 Uhr HIER UND JETZT. ANMERKUNGEN ZUR GEGENWÄRTIGEN DISKUSSION DES PRÄSENTISCHEN Marie-Luise Angerer

Eine Situation entfaltet sich im Augenblick des Jetzt. Ein überfrachtetes, zugleich leeres Moment. Eine Zeitspanne, in der sich alles oder nichts zu ereignen scheint, eine Zone, in der basale Vor-Entscheidungen sich treffen, ohne dass diese die Schwelle des Bewusstseins (je) überschreiten. Diese zu- kleinen-Bewegungen versuchen ästhetische Praxen einzufangen, festzuhalten und auszudehnen, um Präsenz als Dauer in Bewegung erfahrbar zu machen.

MARIE-LUISE ANGERER Professorin für Medien- und Kulturwissenschaften an der Kunsthochschule für Medien Köln. Promotion 1983 an der Universität Wien, Habilitation 1996 an der Universität Salzburg. 2007 bis 2009 Rektorin der KHM. Sie arbeitet derzeit zum Thema Affective and Psychotechnology Studies. Wichtige Publikationen: »body options. Körperspuren.medien.bilder«, 2000; »Vom Begehren nach dem Affekt«, 2007; »Desire After Affect«, 2014 und (Hg. mit Bernd Bösel und Michaela Ott) »Timing of Affect. Epis-temologies, Politics, Aesthetics«, 2014.

17.30 Uhr KAFFEEPAUSE

18.00 Uhr SITUATIONEN Anna Kohler

Situationen sind nicht beständig, sie müssen unterbrochen oder wie ein Ast abgeschnitten werden, damit sie eine andere, frische, unverbrauchte Richtung einschlagen, so wie sich eine Person durch jeden Tag des Lebens bewegt.Diese Lecture-Performance entwickelt sich aus der Zusammenarbeit mit Studierenden der Muthesius Kunsthochschule und stützt sich auf den Kreislauf von Gestalten und Unterbrechen, ohne vorhersagbares Ergebnis, aber mit der Gewissheit, dass die letzte Situation, in der wir uns befinden, entscheidend ist.

ANNA KOHLER Regisseurin und Performerin, Senior Lecturer, MIT, Boston. Sie studierte Schauspiel und Regie am Mozarteum in Salzburg und machte nach einem Studium der Pantomime bei Etienne Decroux einen zweiten Abschluss an der Université IIIV Vincennes, Paris. Nach ihrer Begegnung mit der New Yorker Experimentaltheaterszene arbeitete Anna Kohler mit Dramatikern und Regisseuren wie Stuart Sherman, John Jesurun, Richard Foreman, Fiona Templeton und Werner Herzog. Als Mitglied der legendären Avantgardetheatergruppe »The Wooster Group« arbeitete sie mit Willem Dafoe and Ron Vawter zusammen. Zahlreiche Solo-Performances kamen hinzu. Ihre Solo-Performance »D’Arcness« wurde auf dem Triple X festival in Amsterdam premiert. Anna Kohler spielte zudem in Filmen von Jonathan Demme, Peter Sellars und Hal Hartley. Als Regisseurin brachte sie Stücke in Salzburg, Kiel, Sao Paulo und in New York auf die Bühne.

17.03.2015

Forum

Das Forum für interdisziplinäre Studien an der Muthesius Kunsthochschule wurde 1996 als selbstständige Einrichtung gegründet. Es veranstaltet Symposien, konzipiert und publiziert von den Professorinnen und Professoren des IKDM und Workshopwochen sowie aus den Studiengängen der Kunsthochschule. Sein Programmangebot von Workshops und Symposien gibt regelmäßig Gelegenheit, einzelne Themen aufzugreifen und zu vertiefen. Dabei wird der jeweils aktuelle Forschungsstand unterschiedlicher Fachrichtungen berücksichtigt. Ziel ist es, eine Diskussion über die Fachgrenzen hinaus anzuregen und sie zu Formen ästhetischer Praxis in Beziehung zu setzen. Die Veranstaltungen verstehen sich als Forum für die Lehrenden und Studierenden der Muthesius Kunsthochschule, wenden sich aber darüber hinaus an eine interessierte Öffentlichkeit. Publikationen zu den Veranstaltungen sichern den Anspruch ab, aktiv in die Diskurse um Kunst und Wissenschaft einzugreifen.

Konzeption interdisziplinäre Workshopwoche

Prof. Dr. Bettina Möllring, Prof. Markus Huber, Prof. Dr. Kerstin Abraham,  Prof. Christian Teckert

Konzeption interdisziplinäre Symposien

Prof. Dr. Christiane Kruse, Prof. Dr. Petra Maria Meyer, Prof. Dr. Norbert M. Schmitz